Pierre Boulez Saal | Vom Klang und anderen Besonderheiten

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Pierre Boulez Saal © Volker Kreidler

Die Musikfreunde im Land können sich binnen fünf Monaten über drei neue Konzerthäuser in Deutschland freuen. Nach dem Konzerthaus Bochum und der Elbphilharmonie in Hamburg wurde im März 2017 der Pierre Boulez Saal in Berlin in direkter Nachbarschaft zur noch immer im Umbau befindlichen Staatsoper Unter den Linden eingeweiht.

 

Dieser neue Kammermusiksaal im ehemaligen Kulissenmagazin der Staatsoper ist in jeder Weise besonders,

 

sowohl was den Raum, den Klang, die Finanzierung und auch die Beteiligten betrifft. Doch nähern wir uns Schritt für Schritt dem Konzerterlebnis und den delikaten Geschichten rund um dieses Projekt.

Pierre Boulez Saal - näher an den künstler heran geht es nicht

 

Wir treffen im Foyer des Pierre Boulez Saales auf

 

sehr freundliche und hilfsbereite MitarbeiterInnen,

 

so dass wir uns gleich im neuen Konzerthaus wohlfühlen. Wir stimmen uns bei einem guten Glas Wein auf den Schubert-Abend ein und probieren die leckeren Snacks. Zahlreiche Stehtische und Sitzbereiche lassen uns auch mit anderen Gästen ins Gespräch kommen und nach dem Konzert können wir noch etwas verweilen und beginnen, das Gehörte zu verarbeiten.

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Der Pierre Boulez Saal wirkt beim ersten Eintreten auf mich wie eine Manege. Ein Oval mit bis zu 682 Sitzplätzen, dessen Bühne von der Mitte flexibel an die Seiten verlegt werden kann und damit ganz unterschiedliche Aufführungen ermöglicht.

 

Wer einmal ein Konzert bei "Musik in den Häusern der Stadt" miterlebt hat, schätzt sicherlich diese familiäre Nähe zu den Künstlern.

 

Genau das bietet auch der Pierre Boulez Saal, wo niemand mehr als 14 m vom Geschehen entfernt zuhört und man die Noten auf vielen Plätzen mitlesen kann. Wir genießen die Beinfreiheit auf den bequemen Sitzen und sind froh, nicht die erste Reihe im Parkett gewählt zu haben. Denn davor sind noch einige variable Stuhlreihen platziert, die den freien Blick etwas begrenzen. Es macht also allen Sinn, sich bei der Ticketbuchung mit der jeweils für das Konzert speziell vorgesehenen Bestuhlung genau zu beschäftigen.


"In dieser Raumordnung können die Zuhörer sich gegenseitig sehen und sitzen einander gegenüber. Dadurch ist hier eine andere Art von Kommunikation möglich, nicht nur zwischen Musikern und Publikum, sondern selber innerhalb des Publikums.

Ich glaube, das ist sehr wichtig",

beschreibt der Akustiker Yasuhiro Toyota (der für die Akustik im Pierre Boulez Saal und in der Elbphilharmonie verantwortlich zeichnet) das besondere Raumgefühl. Aus meiner Sicht muß man das mögen wollen; ich möchte nicht von der Musik abgelenkt werden und mich vollends auf die Musiker konzentrieren.

Viele weitere interessante Videos über den Pierre Boulez Saal auf vimeo.com


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Mittig im Bühnenoval ist der eigens von Steinway für Daniel Barenboim entworfene Flügel positioniert. Nach der Pause wird der Flügel um 180 Grad gedreht, so dass wir dem Meister sowohl bei der Arbeit seiner Hände als auch von Angesicht zuschauen können. Barenboim stellt für das Eröffnungsjahr und auch darüber hinaus die Musik von Schubert in den Mittelpunkt;

 

sicherlich eine exzellente Wahl, um die klangliche Qualität des Kammermusiksaals in allen Facetten auszuloten. Für uns stehen die Schubert Klaviersonaten D 575, D 894 ("Fantasie-Sonate") und D 958 auf dem Programm. Vor unserem Konzertabend haben wir uns eingelesen, wie die Musikkritiker und Barenboim selbst die Akustik im Saal beurteilen.


pierre boulez saal - welches hörerlebnis erwartet sie?

Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin auf Lebenszeit, ist mit dem Klang sehr zufrieden.

 

Der Klang "ist trocken genug, um alle Details zu hören, aber nicht so trocken, dass man die Schönheit des Klanges verliert, der fast überall im Raum die gleiche Qualität hat." 

 

Ähnliches haben wir zuvor über die Elbphilharmonie gehört und sind dann doch vom Gehörten etwas ernüchtert worden. Im Pierre Boulez Saal ist es Yasuhiro Toyota im Zusammenspiel mit dem Architekten Frank Gehry besser gelungen.

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Jan Brachmann (FAZ vom 06.03.2017) notiert, dass

 

"alle Musik, die mit Raumeffekten spielt, mit Richtungswechseln und ortsbestimmten Verfärbungen, mit zeitlichen Verzögerungen und Echos, hier gut aufgehoben ist".

 

Und weiter gibt er seinen Eindruck wieder:

 

"Spielt die Musik unten, dann klingt sie am besten,  je größer das Ensemble ist."

 

 


Eleonore Büning fasst für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 12.03.17 zusammen:

 

"Klingt im Parkett, wie er aussieht, freundlich, klar, durchsichtig, warm. Nur für den schmalen, frei schwebenden Rang ... muß akustisch nachgebessert werden."

"Der Saal hat Tücken", bestätigt Jan Brachmann über sein Hörerlebnis im Rang in der FAZ vom 06.03.2017:

 

"Der Klavierklang für sich genommen ist warm, nuancenreich und geradezu einschmeichelnd, aber überpräsent."

Als passionierte Konzertgänger haben wir den Eindruck im Block B, Treppe III, Reihe 4, dass der Klang des Klaviers den Raum mehr ausfüllen könnte, mehr Volumen bieten sollte. Nach meinem Gefühl wird hier beispielsweise ein Streichquartett eine kolossale Wirkung erzeugen.

sta(a)t(t)liche förderung einer privaten hochschule

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Das Berliner Projekt geht auf die Freundschaft von Daniel Barenboim mit Edward Said zurück und das gemeinsam in 1999 ins Leben gerufene West-Eastern Divan Orchestra, das junge Musiker aus Israel, Palästina und den arabischen Ländern jeden Sommer zusammenführt. Das Orchester möchte den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen des Nahen Ostens durch die Erfahrungen gemeinsamen Musizierens ermöglichen. "Ursprünglich war der Plan, einen solchen Saal in Istanbul zu bauen, was sich dann allerdings zerschlagen hat (ich würde gern wissen wollen, warum?). Kurz darauf gab es aber die Möglichkeit in Berlin", erzählt Daniel Barenboim im Interview mit dem concerti-Magazin im März 2017. Der Pierre Boulez Konzertsaal wurde dann mit der Idee einer neu zu gründenden Musikhochschule, der Barenboim-Said-Akademie verbunden. Hier sollen bevorzugt Studenten aus dem Nahen Osten und Nordafrika musikalisch in Verbindung mit den Geisteswissenschaften ausgebildet werden - ein offenbar neuer Ansatz in der Ausbildung von Musikern.


Die Bundesregierung konnte als spendabler Sponsor und dauerhafter Finanzierer dieses rein privaten Projektes gewonnen werden. Damit spendiert die Bundesrepublik Deutschland Daniel Barenboim und seinen schon verstorbenen Freunden Pierre Boulez und Edward Said ein Denkmal. Hierüber erfährt man auf den Webseiten des Pierre Boulez Saales und der Barenboim-Said-Akademie so gut wie nichts.

Die Baukosten betrugen 35,1 Mio Euro. 21,4 Mio Euro fließen aus dem Etat der Staatsministerin für Kultur und Medien in das Bauprojekt. Die Restkosten haben private Spender aufgebracht. Die Betriebskosten von zunächst 5,5, ab 2019 von 7 Mio Euro pro Jahr werden aus dem Haushalt der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, finanziert. Das Auswärtige Amt finanziert die ungebundenen Stipendien zum Höchstsatz von 735 Euro für alle Studierenden. Die Unterbringungskosten werden für bis zu vier Jahren ebenfalls vom Staat übernommen. Einführungskurse in Deutsch werden angeboten, sind jedoch nicht verpflichtend.

Und hier beginnt es delikat zu werden: Während Radio-Sinfonieorchester im Südwesten zwangsfusioniert wurden und viele Kulturanbieter im Land vergeblich um staatliche Unterstützung betteln (die seit 90 Jahren bestehende Kammermusikgemeinde in Hannover erhielt kurz vor der Abwicklung von der Stadt Hannover (Unesco City of Music!!) für zwei Jahre jeweils 15.000 (!) Euro), fördert die öffentliche Hand, also der Steuerzahler, eine Musikhochschule in privater Trägerschaft. Frau Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, versucht eine rechtfertigende Erklärung:


„Mit der Eröffnung des Pierre Boulez Saals feiern wir gleichzeitig ein wegweisendes kulturelles Versöhnungsprojekt. In der Barenboim-Said-Akademie können junge Künstlerinnen und Künstler aus der arabischen Welt und aus Israel durch gemeinsames Musizieren und Lernen Gräben überwinden und mit ihrem Zusammenspiel ein wichtiges Zeichen für Toleranz und Verständigung setzen.

Die Unterstützung der Akademie durch mein Haus ist daher nicht nur wichtige Kulturförderung, sondern darf auch als ein Beitrag der Bundesregierung zum Friedensprozess im Nahen Osten verstanden werden - als ein Appell, im Streben nach Frieden und Toleranz nie nachzulassen und immer auch auf die Kraft der Kultur zu setzen.“

namensgeber edward said - wirkungsmächtig und umstritten

Diese weitgehende Finanzierung der privaten Baremboin-Said-Akademie aus Steuermitteln ist eine wagemutige politische Entscheidung der Kulturbeauftragten. Edward Said ist, sehr vorsichtig formuliert, nach meinen Recherchen bereits zu Lebzeiten ein sehr umstrittener Intellektueller gewesen. Weitere Ausführungen würden Rahmen und Charakter dieses Blogs sprengen, so dass ich für Interessierte den Link zu zwei Zeitungsartikeln in der FAZ (Rezension zur neuen deutschen Übersetzung seines Standardwerkes "Orientalismus", 2009) und in der ZEIT (anläßlich seines Todes, 2003) hinterlege. Ob Frau Grütters oder ihre MitarbeiterInnen hier mal nachgeforscht haben ...

Daniel Barenboim und Edward Said verband eine jahrelange Freundschaft. Said kannte sich auch gut in der Musik aus, war ein vollendeter Musikkritiker und spielte selbst gut Klavier.

Dieser Bericht entstand nach einem Konzertbesuch im März 2017.

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