Elbphilharmonie | Wie gut ist die Akustik wirklich?

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Elbphilharmonie, Großer Saal, Akustik

Wir Deutschen lieben es gerecht und gleich. „Wo Sie auch sitzen, alle hören gleich gut“, bekräftigt während der Führung die Mitarbeiterin der Elbphilharmonie  noch einmal eine der Kernbotschaften des Marketings. Nachdem man Steuermittel in der unfassbaren Höhe von 789 Mio Euro in das neue Konzerthaus investiert hat, ist die Erzählung vom „gleich“ für die gesell-schaftliche Akzeptanz der Elbphilharmonie zwingend.

 

Kann der Große Saal mit seinem Stadioncharakter aber tatsächlich „optimalen Hörgenuss auf jedem einzelnen Platz“ bieten?

 

Wir Menschen lieben Legenden wie das „Wunder von Bern“, den „Mythos Ferrari“ oder die „Traumhochzeit im Königshaus“, weil diese Geschichten so schön gefühlig sind und vom perfekten Gelingen erzählen. Tief im Innern ahnen wir natürlich, dass die Dinge in Wirklichkeit komplizierter sind. Und so ist es auch mit der Elbphilharmonie. Sie ist ein architektonisch einzigartiges und akustisch außergewöhnliches Konzerthaus mit einigen Problemzonen beim Raumklang.

Wollen Sie mehr über die Akustik der "Elphi" erfahren? - dann auf dieser Seite einfach weiterlesen.


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Ich meine, die „Macken" der Elbphilharmonie sollten Sie kennen, bevor Sie im Juni 2017 versuchen werden, die sicherlich heiß begehrten Tickets für die Saison 2017/18 zu ergattern (das Konzertprogramm für die nächste Saison wird am 25. April 2017 veröffentlicht; hier schon mal 7 Tipps zur Konzertauswahl). Ich werde über den Vorverkaufsstart berichten und empfehle Ihnen, den Newsletter der Elbphilharmonie zu abonnieren.

Denn ein Konzertbesuch in der Elbphilharmonie lohnt allemal. Viele Menschen, jüngere Konzertgänger und alle Musikinteressierten sollten sich unbedingt ihr eigenes Urteil bilden.

„Ich bin mehr denn je von Herrn Toyota überzeugt und glaube, daß er einen wirklich fantastischen Saal gebaut hat, der anders ist als alle anderen Säle. Die Akustik ist nicht ganz einfach, aber die Elbphilharmonie ist ein Wunderwerk“ sagt Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, im Interview mit der musikalischen Fachzeitschrift Fono Forum (03/17).

Elbphilharmonie - hörtest

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Wer Musik zumeist nur im komprimierten MP3-Format hört, dem werden in der Elbphilharmonie die Ohren ordentlich durchgepustet. Denn der Akustiker Yasuhisa Toyota läßt uns die Musik wie unter einem Mikroskop wahrnehmen. Die Instrumente klingen überdeutlich, manchmal überlebensgroß und sind trennscharf einzeln heraushörbar. So isoliert habe ich die Holzbläser noch nie in einer Mahler-Sinfonie gehört. Aber das klingt für mich nicht rund.

„Musik besteht nicht nur aus einzelnen Tönen. Jeder Ton ist in der Elbphilharmonie für sich allein unterwegs, direkt und linear. Nichts mischt sich“, beschreibt die renommierte Musikkritikerin der FAZ, Eleonore Büning, diesen Klang.

 


 

„Alles einheitslaut, breiig. Jedenfalls hinter den Hörnern. Man hört keinen Raum mehr. Nur ein am Anschlag lärmendes Orchester auf einem zu klein anmutenden Podium“, leidet Manuel Brug (Journalist in der Welt) im Eröffnungskonzert im Bereich I.

Mahler erschafft in seinen Sinfonien eine eigene Welt, doch in der Elbphilharmonie verschmelzen die Töne nicht zu einem großen, emotionalen Ganzen. Sobald dann die für Mahler so charakteristischen Blechbläser die Führung übernehmen, wird es auch mal richtig laut – und in diesen Tutti schmerzt es geradezu in meinen Ohren in Block G. Auf die richtige Sitzplatzwahl kommt es daher ganz entscheidend an.

Der Klang erhebt sich nicht über das Podium – wie das so wunderbar in der Berliner Philharmonie geschieht - und breitet sich nicht im trichterförmigen Saal aus.

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Die kritischen Rezensionen zum Klang in der Elbphilharmonie betreffen in besonderer Weise die Plätze hinter und neben dem Podium. Auf diesen Plätzen kann der Liedvortrag eines Sängers eine regelrechte Zumutung werden. Wenn Johan Reuter „Vier Präludien und Ernste Gesänge“ von Johannes Brahms – logischerweise – mit dem Rücken zu hunderten Plätzen anstimmt, hört es sich auf meinem Platz im Bereich G an, als ob ich ihm hinter einer Wand zuhören würde. Natürlich strahlen Stimme und Instrumente nach vorne ab und diese physikalische Wahrheit scheint nur bedingt korrigierbar für die Plätze hinter dem Podium. Dieses Hörerlebnis rechtfertigt m.E. den verlangten Ticketpreis auf diesen Plätzen in keiner Weise.

Wo Sie in der Elbphilharmonie am besten hören und welche Plätze Sie unbedingt meiden sollten beschreibe ich in meinem Beitrag "Elbphilharmonie | Richtige Sitzplätze auswählen".


Auch gleich nebenan im Bereich F (ja, ja, ich höre Sie schon sagen: über Klang und Tickets schreiben und dann zwei Mal hinter dem Orchester sitzen – stimmt, aber dafür halte ich Ihnen die besten Plätze im übertragenen Sinne frei) sitzt mir die Orgelmusik von Christian Schmitt regelrecht im Nacken. Dem Orgelspieler mitten auf dem Podium in der Elbphilharmonie zusehen zu können, ermöglicht durch die wohl drahtlose Übertragung an das Orgelwerk,  ist ein schönes Erlebnis.

Solange die Luft nur sanft durch wenige Orgelpfeifen strömt, klingt es warm und klar. Aber spätestens bei Olivier Messiaen´s kraftvollen „Livre du Saint Sacrement“ wünscht man sich einen entfernteren Platz. Während der Besichtigung der Elbphilharmonie konnten wir kurz aus dem Bereich S bei der Orgelprobe zuhören, aber auch hier war der Klang sehr direkt und fokussiert und der Raum füllte sich nicht mit Musik im zugegeben leeren Großen Saal der Elbphilharmonie.


Plötzlich horche ich regelrecht auf, als der Klarinettist sein Blatt vor dem Mundstück auswechselt und darauf pustet. Man hört alles überdeutlich und wehe, ein Konzertprogramm fällt krachend zu Boden.

Elbphilharmonie

Musikalisch war die 8. Symphonie von Anton Bruckner gespielt vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano mein bisheriges Highlight. Hoch engagiert, präzise und mit großer Spielfreude vorgetragen wirkt diese kirchlich-religiöse Symphonie auf eine tiefe Weise beruhigend.

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Elbphilharmonie | wie gut ist die akustik wirklich? - mein fazit

Es gibt Fachleute, die unterscheiden Konzertbesucher in „Analytiker“ und „Schwelger“. Die „Schwelger“ wollen sich in den traditionellen „Schuhschachtel“-Konzertsälen wie in Luzern und Wien am Raumklang berauschen – zu denen gehöre dann wohl ich – während die „Analytiker“ in den „Weinbergen“ jeden einzelnen Ton als Kunstwerk erleben und sich als Musiker auf dem Podium besonders gut hören können. In der Berliner Philharmonie gelingt jedoch die Symbiose – ein „Weinberg“, der Raum hat und die Musik freilässt.

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Warum immer der Vergleich mit der Berliner Philharmonie? Schon vor der Eröffnung wurde der Große Saal der Elbphilharmonie zu „einem der zehn besten Konzertsäle der Welt“ hoch geschrieben. Mittlerweile wird man etwas demütiger und Dr. Dieter Rexroth weist zu Beginn seiner Einführung zum 6. Philharmonischen Konzert darauf hin, dass sich auch ein Konzertsaal erst entwickeln muss.

 

„Vielleicht hatte es vorher ein bißchen viel Selbstbeweihräucherung gegeben“,

 

sagt auch der Chefdirigent in der Elbphilharmonie, Thomas Hengelbrock, im Interview mit der Musikzeitschrift Fono Forum (03/17) und ergänzt:

 

„Ein Saal verändert sich, ohne dass man an den baulichen Gegebenheiten etwas ändert. Das Material ändert sich, das Holz arbeitet, und sowohl die Musiker als auch das Publikum gewöhnen sich an einen Saal.“

 


Das mag – hoffentlich! - alles so eintreten, doch „wo Sie auch sitzen, alle hören gleich gut“ und „optimaler Hörgenuss auf jedem einzelnen Platz“ bleiben eine Legende. Wie in jedem Konzerthaus bieten die einzelnen Sitzplätze im Großen Saal der Elbphilharmonie einen ganz unterschiedlichen Hörgenuß. Jetzt geht es darum, dass dieses ikonographische Bauwerk dauerhaft mit Konzerten erster Güte bespielt wird. Die Architektur darf nicht wichtiger werden als die Bestimmung des Gebäudes. Dabei kann auch das Publikum mithelfen, indem es ambitionierte Konzertprogramme fordert und - bitte, bitte - die "Tritsch-Tratsch"-Polka als Zugabe der Wiener Philharmoniker nach einer Mahler-Symphonie nicht ekstatisch bejubelt.

Wo Sie in der Elbphilharmonie am besten hören und welche Plätze Sie unbedingt meiden sollten beschreibe ich in meinem Beitrag "Elbphilharmonie | Richtige Sitzplätze auswählen".


Dieser Bericht entstand nach zwei Konzertbesuchen im Januar / Februar 2017:

  • Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Semyon Bychkov und Johan Reuter, Bassbariton, mit "Vier Präludien und Ernste Gesänge" von Johannes Brahms, die von Detlev Glanert in eine Orchesterversion transformiert wurden und Symphonie Nr. 1 ("Titan") von Gustav Mahler
  • 6. Philharmonisches Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano und Christian Schmitt (Orgel) mit Johann Sebastian Bach "Fantasie und Fuge g-Moll BMV 542" und Olivier Messiaen "Offrande et Alléuia final aus "Livre du Saint Sacrement""

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