Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

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Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

Christo* hatte uns vor mehr als zwanzig Jahren mit seinem Projekt "Wrapped Reichstag" in den Bann gezogen. Dieses monumentale, geschichtsträchtige Gebäude - ganz eingewickelt in einen grau-silbernen Stoff, dessen Farbe ständig im Licht changierte - nahm uns gefangen. Wir saßen mit tausend anderen auf der großen Rasenfläche vor dem Gebäude und genossen das mauerlose Berlin (mehr über den "Wrapped Reichstag" unten). Die Reise zu "The Floating Piers" sollte dieses Gefühl noch einmal zurückholen, denn Christo´s Kunstprojekte werden erst durch die Besucher so richtig zum Leben erweckt. Doch Christo hat schon Recht: Jedes Projekt ist einzigartig - und jedes Projekt kreiert eine eigene Atmosphäre.

   © Christo and Jeanne-Claude

Christo stellt auf seiner Internetseite für das Kunstprojekt

 "thefloatingpiers.com"

dieses Video und ausgewählte Fotos, von denen ich einige in diesem Blog zeige, für redaktionelle Zwecke zur Verfügung.

Christo war am 27. Oktober 2016 in der Harvard University Graduate School of Design im Rahmen der Gastvorträge "Rouse Visiting

Artist Lecture" zu Gast; die Veranstaltung ist auf dem YouTube-Kanal von Harvard veröffentlicht worden. In meinem Blog greife ich auf Ausführungen, die Christo dort gemacht hat, zurück.


* Christo stets synonym für Christo and Jeanne-Claude aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit verwandt.

Christo - walking on "the floating piers"

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

Christo´s "The Floating Piers" spielte sich auf zwei räumlichen Ebenen ab:

 

Als Spaziergänger und Teil der riesigen Menschenmenge auf "The Floating Piers" in der Sommerhitze unterwegs, auf einer schwankenden Brücke, das Wasser unter den Füßen fühlend.

Oder aus der Vogelperspektive vom Monte Isola nach einem schweiß- treibenden Aufstieg, den nur relativ wenige Besucher anstrengten, auf einen ameisengleichen Strom von Menschen auf einem goldgelben, manchmal orangen Band hinunter- blickend, die über das Wasser liefen.


Für mich stellte sich bei diesem Kunstprojekt keine Magie ein. Die "Marke Christo" und die zeitliche Verknappung zogen die Massen an. Es war ein bestens durchgeführtes Event mit viel Marketing im Vorfeld, Shuttle-Bussen und gelenkten Warte- schlangen. Christo versteht es wie ein Projektmanager, die Menschen für seine Kunstprojekte zu mobilisieren,

die er selbst als "nutzlos" bezeichnet. Kunst darf sehr gern "nutzlos" sein und löst gelungenermaßen beim Betrachter Emotionen, Gedanken oder Irritationen aus. "The Floating Piers" empfand ich als ziemlich schal, ließ mich eher gleichgültig zurück. Erst von oben betrachtet, mit etwas räumlicher Distanz und nicht mehr selbst als Teil der Inszenierung war Christo´s "The Floating Piers" ...

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

... zumindest visuell interessant. Nicht ohne Grund scheint auch die überwiegende Anzahl der Fotografien von Wolfgang Volz, der Christo seit Jahrzehnten begleitet, aus dieser

Perspektive aufgenommen worden zu sein. Einmal mehr fühle ich mich darin bestätigt, guten Erinnerungen besser nicht hinterherzureisen.


christo - von "surrounded islands" bis "The flotating piers"

Christo - "Surrounded Islands"

Meine erste Begegnung mit Christo´s Projekten hatte ich in noch jungen Jahren. Wir besuchten in Gent eine Ausstellung über "Surrounded Islands" (1983) - die Umrahmung von elf Inseln vor der Küste von Miami. Danach hatte dieses große Poster einen Platz an den Wänden unter unseren Museumsplakaten erorbert. Spätestens seit 1985 war Christo mit der Verhüllung der ältesten Brücke in seiner Wahlheimat Paris, "The Pont Neuf Wrapped", - hier lebte er von 1958 bis 1964 nach seiner Flucht aus Bulgarien - vielen ein Begriff als Künstler geworden, der projektbezogen arbeitete und wie er heute selbst sagt, vollkommen "nutzlose Projekte" realisiert.

 

"Niemand braucht meine Projekte - außer

Jeanne-Claude und mir. Die Welt kann wunderbar ohne diese Projekte überleben".

 

Und weiter führt er aus, daß er gegen jede Art von Propaganda allergisch ist, da er aus einem kommunistischen Staat stammt. "Das meiste in der heutigen Kunst ist Propaganda - Propaganda für die Umwelt, politische oder religiöse Themen." Von Paris wanderten Christo und Jeanne-Claude "nicht in die USA, sondern nach Manhattan" aus. "Ich kam mit einem Touristenvisum und verschwand dann für zwei Jahre".


Im Januar 2017 hat Christo das geplante Projekt "Over the river" (Überdachung des Arkansas River) in den Vereinigten Staaten angabegemäß aus politischen Gründen gegen Trump gecancelt, auch nachdem er jahrelang keine Genehmigung für dieses Projekt erhalten hatte. Christo und Jeanne-Claude haben auf ihrem gemeinsamen künstlerischen Lebensweg die Genehmigung für 37 Projekte erhalten von denen 22 realisiert wurden. Von den anderen 15 Projekten haben sich einige zerschlagen und andere sind "in mind" geblieben, wie Floating Piers.

© Christo and Jeanne-Claude
© Christo and Jeanne-Claude

christo - "the floating piers" - die vorgeschichte

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
© Christo and Jeanne Claude / Photo: Wolfgang Volz

"The Floating Piers" war Christo´s erstes großes Projekt seit "The Gates" im New Yorker Central Park in 2005 und seit dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude in 2009. Im Gegensatz zu anderen Projekten war "The Floating Piers" nicht für einen bestimmten Ort bestimmt. Es hatte schon frühere Versuche gegeben, das Projekt umzusetzen. Der erste Versuch im Rio de la Plata vor Buenos Aires scheiterte jedoch ebenso wie in Daiba, in der Bucht von Tokio. In 2014 begann Christo mit seinem Team die konkrete Suche "nach ruhigem Wasser", wohl auch, weil den damals fast 80-jährigen das Gefühl beschlich, nicht mehr unendlich viel Zeit für die Realsierung zu haben. Deshalb mußten ein Land und ein Ort gefunden wer-

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
© Christo and Jeanne Claude / Photo: Wolfgang Volz

den, die eine rasche Umsetzung möglich erscheinen ließen. Man erinnerte sich an kleinere Projekte, die in zurückliegenden Jahren in Rom und in Mailand gelangen und fand zwischen den berühmten oberitalienischen Seen den unbekannteren Lago d´Iseo. Vor Sulzano fand Christo die ideale Konstellation mit einer vorgelagerten Insel, die normaler- weise nur per Fähre erreichbar ist, und die noch kleinere Insel Isola di San Paolo sozusagen als Zugabe.

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

Als glücklicher Zufall - wenn auch der Reputation des Projektes nicht zuträglich - zeigte sich, daß die Isola di San Paolo im privaten Besitz der Familie Beretta, verbunden mit dem ältesten Waffenhersteller Europas, war. Die Verbindungen von Franco Beretta und seiner Frau Umberta Gnutti haben wesentlich dazu bei- getragen, eine Genehmigung für das Projekt in nur zwei Jahren zu erhalten, für die es ansonsten viel länger brauchte.


christo - auf dem iseosee gehen menschen über das wasser

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
© Christo and Jeanne Claude / Photo: Wolfgang Volz

Christo ist angeblich brüsk am Telefon und mag keine Computer. Dafür ist er "schrecklich interessiert an den realen Dingen", an Wasser, Luft ... an den wirklich physischen Dingen. In unseren Städten sei alles reglementiert, alles nach bestimmten Regeln designed.

Seine Kunst ist flüchtig. Jeder Mensch ist eine einzigartige Person und jedes Projekt wird man nur einmal erleben, man muß sich ihm bei Wind und Wetter stellen. "Die Besucher von "The Floating Piers" gehen nirgendwo hin, gehen nicht shoppen, besuchen keine Freunde" ... sie gehen einfach und mußten sogar warten, um die "Piers" betreten zu können. Es sei ein körperliches Erlebnis für alle Sinne. "Die Menschen werden bombardiert mit sich wiederholenden Dingen". Sie kamen zu "The Floating Piers", weil sie es nicht wiedersehen können." Es waren nicht nur unbedingt Kunstfreunde, sondern Leute, die etwas Ein-Maliges sehen wollten, was nicht wieder passiert."

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
© Christo and Jeanne Claude / Photo: André Grossmann

"Sie kamen zu "The Floating Piers", weil sie es

nicht wiedersehen können."


christo - menschen überfluten "the floating piers"

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

In fünf Monaten wurden auf einer Länge von rd. 3,2 km auf dem Iseosee "The Floating Piers" positioniert, die insgesamt 16 m breit waren und an den Seiten jeweils 2,5 m wie ein Strand in das Wasser abfielen. An den 16 Öffnungstagen im Juni 2016 drängten mehr als 1,2 Mio Besucher auf die "Piers" und die Behörden waren sehr nervös, daß gleichzeitig zu viele Menschen auf "The Floating Piers" unterwegs waren. Zudem gab es keine Geländer entlang der "Piers", die die Spaziergänger in der Sommerhitze vor einem gefährlichen, aber durchaus erfrischenden Bad im ca. 100 m tiefen Iseosee bewahrt hätten.

 

"Only Italy can happen permission to that", resümierte Christo.

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee
Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

Christo - "The Floating Piers" auf dem Iseosee

Rückblick: christo und "wrapped Reichstag"

Christo´s und Jeanne-Claude´s Projekte waren alle geprägt von unglaublicher Geduld und Ausdauer, da sie oftmals jahrelang Überzeugungsarbeit leisten mußten. Eine besondere Herausforderung bestand darin, daß die jeweiligen Kunstprojekte nur in der Vorstellung - auch der Entscheider - existierten; es gab noch nichts zu zeigen oder zu sehen. Diese Schwierigkeiten mit Behörden und Eigentümern wurden durch das - aus deutscher Sicht spannendste - Projekt "Wrapped Reichstag" noch einmal in den Schatten gestellt. Ein Vierteljahrhundert lang hatten sich Christo und Jeanne-Claude bei sechs Bundestagspräsidenten immer wieder um eine Genehmigung bemüht und waren damit dreimal gescheitert. Bei der letzten Chance - vor dem Umbau des Reichstages - "tat Kanzler Kohl alles, daß das Projekt niemals realisiert würde". Während der von der Hausherrin Rita Süssmuth als Bundestagspräsidentin anberaumten Debatte im Bundestag, erinnert sich Christo, klopfte Kohl ostentativ mit seiner roten (=Nein) Abstimmungskarte auf sein Pult, um jedem in seiner Fraktion der CDU/CSU zu signalisieren, daß er gegen das Projekt ist. Christo rechnete mit der abschließenden Ablehnung des Projektes und wurde positiv von einer Mehrheit von 69 Stimmen für die Verpackung des Reichstages überrascht.

Dieser Reisebericht entstand nach einer Reise im Juni 2016.

Tate Modern | ein Museum, ein Werk, eine Stunde

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- Am Ende dieses Beitrages geht es um den "Rothko-Room" in der Tate Modern -


Großbritannien, London, Tate Modern
Tate Modern, London (im Hintergrund ist der Erweiterungsbau zu sehen)

Was haben die Elbphilharmonie in Hamburg und die Tate Modern in London gemeinsam?

 

Beide Kulturstätten entstanden aus monumentalen Industriebauten, die bereits kurz nach ihrer Inbetriebnahme durch den rasanten technischen Fortschritt überflüssig geworden waren.

 

Der Kaispeicher A in Hamburg war ein letztes trotziges Ausrufezeichen für die Ära der Stückgutfracht; zwei Jahre nach der Fertigstellung der riesigen Lagerhalle in 1966 kamen die ersten Container in Hamburg an und damit veränderte sich der Welthandel grundlegend.

Großbritannien, London, Tate Modern, Bankside Power Station
Photo by Cjc13 (CC BY-SA 3.0): Bankside Power Station, London (1985)

In London wurde auf dem Gelände eines Kohlekraftwerkes zwischen 1947 und 1963 in zwei Bauabschnitten ein mit Öl befeuertes Kraftwerk errichtet. Es sah aus wie eine Kathedrale für die Energiegewinnung, sinnigerweise genau gegenüber der St. Paul´s Kathedrale am südlichen Ufer der Themse platziert. Bereits 1981 wurde das Kraftwerk infolge der rasant steigenden Ölpreise und effizienterer Methoden zur Energiegewinnung schon wieder abgeschaltet. Und beide Orte eint, dass die ehemaligen Produktions- und Lagerstätten ungenutzt und vergessen waren, ja geradezu störend im Stadtbild lagen und nach ihrer Umwandlung in moderne Spiel- und Begegnungsstätten für Kultur eine Wiederauferstehung erlebten.

Großbritannien, London, Tate Modern,

Heute sind die Silhouetten der Elbphilharmonie in Hamburg und der Tate Modern in London emblematisch für ihre Nutzung und prägend für die jeweilige Skyline.

Beide Objekte wurden durch das schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron umgestaltet. Als Herzog & de Meuron 1995 unter mehr als siebzig Architekten den Zuschlag erhielten, waren sie noch ein relativ kleines, wenig bekanntes Büro. Die Jury begeisterte die würdevolle Einfachheit ihres Vorschlages, der den grundlegenden Charakter des Gebäudes erhielt. Gleiches läßt sich über die viel umfassendere Transformation des Kaispeichers A zum Fundament der Elbphilharmonie sagen.

Großbritannien, London, Tate Modern,

Es muß ein etwas merkwürdiger Anblick gewesen sein, als der Tate-Direktor Sir Nicholas Serota sich selbst auf die Suche nach einem Standort für die Tate Modern machte. 1992 hatte man entschieden, für die zeitgenössische internationale Kunst ein eigenes, für die Sammlung identitätsstiftendes Gebäude zu finden. Man wollte keinen Neubau, sondern ein bereits existierendes Objekt in einem Teil der Stadt umwidmen, wo das Projekt einen Impuls setzen konnte. Auf dem Heimweg hielt Serota an der Bankside Power Station, die er zwar für sehr attraktiv, aber als zu groß einschätzte.

 

Er schritt das verlassene Gebäude der Länge und Breite nach ab und zählte seine Schritte.

 

Zu seiner Überraschung entsprach der Umfang in etwa den Dimensionen der "Tate" in Millbank. Als der Stiftungsrat das Gebäude 1993 besichtigte, waren alle Beteiligten überwältigt. Ein Jahr später wurde das von Sir Giles Gilbert Scott gezeichnete Kraftwerk, der übrigens auch der Designer der weltberühmten roten britischen Telefonhäuschen war, als Standort für die Tate Modern verkündet.

Tate modern - meistbesuchtes museum für moderne kunst

Queen Elisabeth II eröffnete das Gebäude für die Modern Tate am 11. Mai 2000 quasi zum zweiten Mal, nachdem sie bereits über die Eröffnung der Bankside Power Station präsidierte. Die Kunst wird im vormaligen Kesselhaus auf drei Ebenen gezeigt, wobei es laut Jacques Herzog "die größte Schwierigkeit war, diese sehr nüchtern, sehr neutral, sehr einfach, sehr klar zu machen und gleichzeitig den langweiligen Minimalismus zu vermeiden, der allzu perfekt sein will".

Großbritannien, London, Tate Modern

Großbritannien, London, Tate Modern, Turbinenhalle
Photographed by Adrian Pingstone in June 2005 and released to the public domain

Die gigantische Turbinenhalle wird als Eingangsbereich und Ausstellungsfläche für Groß- projekte und Performances genutzt (konnten wir leider nur von oben aufgrund der Umbauarbeiten für die Eröffnung des Erweiterungs- baus einsehen).


Über das ursprüngliche Dach hinaus haben Herzog & de Meuron eine zweietagige Galerie aus Glas ("lightbeam") gebaut, von der aus wir eine faszinierende Aussicht über die Themse hinweg auf die St. Paul´s Kathedrale und die Skyline von London hatten. "Wir wußten, dass das "light beam" ein prägendes Element (des umgestalteten Kraftwerkes) sein würde," erläutert Jacques Herzog,

Großbritannien, London, Tate Modern, Aussichtsterrasse

"denn wenn man etwas in der Realität baut, ist es immer viel stärker als in den Zeichnungen. Sehr viele Architekten tendieren dazu, mehr zu tun als notwendig, um in der Wirklichkeit sichtbar zu werden".

Großbritannien, London, Tate Modern,

Schon nach 10 Jahren ist die Tate Modern eine der TOP 3 - Touristenattraktionen in Großbritannien. Nirgendwo habe ich bisher mehr junge Leute in einem Museum gesehen als hier, was sicherlich nicht nur am freien Eintritt liegt. Der Erfolg der Tate Modern hat alle Erwartungen übertroffen. Ursprünglich für zwei Millionen Besucher im Jahr geplant, kamen zuletzt viereinhalb Millionen Gäste. Damit ist die Modern Tate das am meisten frequentierte Museum für Moderne Kunst in der Welt. In der Konsequenz wurde die Tate Modern auf dem Gelände der angrenzenden früheren Öltanks durch einen Neubau in 2016 spürbar erweitert - natürlich von den Architekten Herzog & de Meuron.

tate modern - Ein Museum, Ein Werk, eine stunde


Sie sind in London, es gibt so viel zu sehen und Sie zögern, von der knappen Zeit etwas für ein Museum "abzuknapsen"? Dann nutzen Sie den freien Eintritt in die Tate Modern, investieren Sie nur eine Stunde und schauen sich exklusiv auf der zweiten Ebene den "Rothko Room" an - Sie werden es immer erinnern ...


"Katie in front of Rothko" by Reginald Gray
"Katie in front of Rothko" by Reginald Gray - statt eines Fotos vom "Rothko Room" für den Tate Images sage und schreibe £80 Lizenzgebühren fordert (Wer ist nur diese Katie im Bild? Die Tochter von Mark Rothko, Kate Rothko Prizel, oder eine ihrer Töchter?)

Dieser Raum wirkt schon beim ersten neugierigen Blick durch den Eingang ganz anders als die anderen Säle in der Tate Modern. Stark heruntergedimmtes Licht - so wie es der Künstler für die Betrachtung seiner Gemälde gewünscht hat - und eine Stille und Ruhe, die ich in der trubeligen Tate woanders nicht finde.

 

Und an den Wänden "glühen" Bilder, deren rotbraune und schwarze Farben eine enorme Sogkraft entwickeln.

 

"Red on Maroon" und "Black on Maroon" von Mark Rothko, 1903 im heutigen Lettland geboren und 1970 in New York durch seine eigene Hand gestorben, lassen eine meditative Atmosphäre entstehen. Die Besucher auf den Holzbänken versinken für lange Zeit in diesen dunklen, magischen Farbrechtecken. Manchmal steht jemand auf, um ein Bild aus der Nähe zu betrachten. Rothko empfahl, die Bilder aus einer Entfernung von circa 45 Zentimetern zu betrachten, um sich ganz den aufkommenden eigenen Emotionen hinzugeben. Dies schafft genau die intime Nähe, die Rothko zwischen seinem Werk und dessen Betrachter erreichen will. Es gelte

 

"alle Hindernisse zwischen dem Maler und seiner Idee und zwischen der Idee und dem Betrachter zu eliminieren"

 

gehört zu dem Wenigen, was Rothko über seine Kunst mitteilte. Die Bilder mit den übereinander geschichteten, ineinander verschwimmenden Farbflächen wirken ganz einfach gestaltet. Viel weniger komplex als bei Jackson Pollock und dennoch genial. Nachdem Rothko seit Ende der vierziger Jahre seinen Malstil gefunden hatte, reduzierte er seine Bilder immer mehr. Er trug mit Terpentin stark verdünnte Farbe auf, so dass ich durch die verschiedenen vibrierenden und flirrenden Farbschichten hindurchsehen kann. Mein Blick wandert in diese Bilder wie in eine Landschaft hinein. Die Gemälde entwickeln eine ungeahnte Tiefe. Gedanken, Gefühle und Assoziationen tauchen auf.

 

"Komplexe Emotionen und Gedanken lassen sich am Besten durch größtmögliche Vereinfachung vermitteln",

 

ist Rothko überzeugt und jeder kann beim Betrachten etwas anderes, eigenes empfinden. Wie durch die Musik, er mochte Mozart sehr, wollte er den Betrachter seiner Bilder zu Tränen rühren. Dafür fand er mit seinen Farben und Rechtecken eine universelle Sprache. Viele Kunstkritiker sehen in dem völligen Verzicht auf Farbe und komplett schwarzflächigen Bildern zu seinem Lebensende einen Hinweis auf eine Verschlechterung seiner psychischen Erkrankung. Andererseits begann er parallel pastellfarbene geometrische Flächen auf Papier zu malen. Für manche Besucher hat die Betrachtung dieser Bilder etwas Religiöses, bei mir ist es das Staunen über die Emotionaliät dieser Kunst.

das vermächtnis mark rothkos - ein kunstkrimi

Nach seinem Freitod beginnt ein atemraubender Kunstkrimi. Korrupte Nachlaßverwalter bemächtigen sich der rasant im Wert steigenden Werke über Schein- und Insidergeschäfte weit unter Marktpreisen. Die damals 19-jährige Tochter Kate Rothko klagt und erhält neben Schadenersatzzahlungen die noch nicht weiterverkauften Bilder ihres Vaters zurück. Heute erzielen die Werke von Mark Rothko unfassbare Rekordsummen auf Auktionen. Aus diesem Grund sind die Versicherungsprämien ins Unermeßliche gestiegen und eine umfassende Retrospektive über das Schaffen von Mark Rothko scheint kaum noch darstellbar. Laut Alexandra Mangel von DR Kultur am 26.05.2008 wird dieser Kunstkrimi von Lee Seldes minitiös in "Das Vermächtnis Mark Rothkos" nachgezeichnet.

Tate modern - Anschlag auf "Black on Maroon" von Rothko

2012 besprüht ein Besucher das u.a. hier besprochene Bild "Black on Maroon", 1958 von Mark Rothko unten rechts mit einem Graffiti-Schriftzug. Ganze achtzehn Monate waren die Restauratoren der Tate damit beschäftigt, das Bild zu retten. Dabei bedienten sie sich modernster Technik. Diesen Reparaturprozess hat die Tate Modern sehenswert in diesem Video festgehalten.


Dieser Bericht entstand nach einer Reise im Mai 2016.

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